Das schöne Dorf

 

     Jamulen lag zwischen zwei Autobahnen und einer Bundesstraße. Der 51. Auf der war schon Napoleon marschiert, zuletzt die Alliierten auf ihrem Weg nach Münster. Jamulen lag weit genug weg von Straßen und Lärm, sodass es sich einreihen konnte in den dörflichen Speckgürtel zwischen Ruhrgebiet und Münster. Und es war nah genug an zwei Bahnhöfen und den Schnellpisten, damit alle Einwohner zügig zur Arbeit und den Supermärkten kamen. Jamulen kämpfte wie viele Dörfer mit dem Überleben. Ein Postkasten, ein kleiner Laden, ein Restaurant. Eine Sparkasse. Ein Kindergarten. Und ein Elektrogeschäft. Also wurden Felder als Baugebiete ausgewiesen. Die Ansiedlung von Gewerbe wurde gefördert. So blieben das Dorfleben und die Einwohnerzahl in Balance. Auch wenn früher alles anders war.
Früher – gab es nicht Hunderte von Wohnwagen, die bis in die Niederlande verkauft wurden und auch nicht eine Firma für Dampfkesselanlagen, keine Hühnerfarm und keinen Orgelbauer. Aber dafür gab es Kühe auf den Feldern, Bauernhöfe, einen Sattler, sieben Kneipen mit Trinkschnaps, ein Bekleidungsgeschäft, frische Milch jeden Abend. Es gab einen Schlachter, vier Kornbrenner. Einen Malerbetrieb. Einen Priester für die Kirche und zwei Nonnen. Aber dieses Früher war seit den sechziger Jahren vorbei. Die Größe des Dorfes wurde nicht mehr in Kühen, Feldern, Schnaps und Bauersleuten berechnet, sondern die Städter berechneten den Nutzen in Bauland, Steuern und Naherholung. Wenn aber der Mond schien oder die Sonne rote Wolken, wie am Pazifik in den Himmel zauberte, dann sagten alle: Schön haben wir es. Gut leben wir in Jamulen. Nur hielt dieses innige Gefühl nicht lange an, denn fast jeden Dorfbewohner trieben irgendwelche Sorgen um. Scheidung. Ließen sich die Hypotheken auf Dauer bezahlen? Renovierungen waren dringend nötig, aber die Bank gab kein Geld. Ein neues Auto, um zur Arbeit zu kommen. Noch ein Auto, damit die Frau, die Kinder herumfahren konnte. Und immer war etwas zu tun: der Garten, die Zufahrt, die Garage. Das Dachgeschoss ausbauen, damit die Zimmer vermietet werden konnten. Sich um den dementen Vater kümmern. Oder die Mutter. Alles zu viel.
Außer dem alltäglichen Glück, dem üblichen Stress, gab es noch ab und an Fälle von Unglück: Ein junger Mann warf sich vor die Regionalbahn. Ein anderer raste auf der Landstraße in den Tod. Einer schlief mit allen Nachbarinnen und heulte wie ein Kojote, als seine Frau mit anderen Männern ging. Auf dem Schützenfest begann er eine Schlägerei, die alle noch lange in Atem und am Reden hielt. Eine tote Frau trieb in der Ems. Eine Millionärin aus Friesland. Es gab Einbrüche in Serie und manche wagten Ausbrüche in die weite Welt. Good by, Jamulen.
Heinrich Uelvesbüll verreiste grundsätzlich nie. Er lebte gerne hinterm Deich an der Dithmarschen Nordseeküste. Er war Fotograf und schaute, was um ihn herum die Menschen anstellten. Er liebte seine Ruhe und durchquerte einmal in der Woche auf seiner Saxonette den Koog, fotografierte und schrieb kurze Schnappschüsse über das Leben. Aber Heinrich hatte sich überreden lassen. Er hatte sich ein Auto geliehen, hatte die Fahrt durch die Deichlandschaft genossen, hatte Hamburg gemieden und bei Glückstadt die Fähre über die Elbe genommen. Mit einem senfverschmierten Würstchen in der Hand hatte er die Überquerung genossen. Dann weiter mit dem Auto bis in die münsterländische Ebene. Mais. Weizen und Gerste. Klee und Raps. Klinkerhäuser. Schon als Heinrich Uelvesbüll bei seinem Freund Simonsberg ankam, schwante ihm nichts Gutes.
„Sei gut zu dir und nett zu meiner Katze“, sagte sein Freund, der Erste Kriminalhauptkommissar im Dienst der Soko Europort. „Ich muss weg. Ein böser Mord. Ein Kind. Im Magen Kokaintüten. Duisburg.“
„Glückwunsch.“ Mehr sagte Uelvesbüll nicht und ärgerte sich über sich und seinen aufbrausenden Unmut. „Glückwunsch, ich reise seit fünfzehn Jahren das erste Mal, und du haust ab.“
„Einen Tag muss ich nach Duisburg. Einen Tag. Es ist eingekauft, alles da. Für heute steht ein Brathuhn fix und fertig im Kühlschrank.“ Simonsberg umarmte seinen Freund und rannte zum Auto. „Nicht ärgern, ruhig bleiben!“ Uelvesbüll winkte, dann trottete er zurück zu dem alten Kotten, den sein Freund sich gekauft hatte. Er nahm sich fest vor, ruhig zu bleiben. Nicht gleich wieder nach Hause zu fahren. Da schoss eine Frau aus dem Pfarrhaus von gegenüber: „Unser Nepomuk ist weg.“
Uelvesbüll drehte sich um. Hier gibt es keine Ruhe, dachte er. Und: Wieso brauchen die hier einen Brückenheiligen? Wegen dieses kleinen Baches, der durch das Dorf strudelte? Die Frau gefiel ihm. Im Overall. Ein Farbklecks im dunklen Haar.
„Wo stand er denn, dieser Nepomuk?“, fragte Heinrich Uelvesbüll. Die Frau, Heinrich schätze sie auf Mitte fünfzig, rannte vor ihm her zu einer kleinen Brücke, im Gebüsch zwischen zwei Häusern gelegen. „Er ist weg.“ Heinrich schaute sich um, nahm seine Digitalkamera, die für alle Fälle, und fotografierte. Die Brücke, den Bach, die Frau, die Häuser.
„Wer wohnt in den Häusern? Vielleicht haben die Leute, etwas gesehen?“
„Ich bin Marie von Hülshoff.“ Marie streckte ihre Hand aus. Heinrich ergriff sie notgedrungen. Er hatte es nicht so mit der Händeschüttelei. „Heinrich Uelvesbüll, Fotograf und Freund von Ihrem Nachbarn Simonsberg.“
„Dann sind Sie herzlich willkommen. Aber den Rektor habe ich seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Pensioniert und besonders, aber immer sichtbar.“
„Von Hülshoff?“
„Keine Droste. Und keinerlei Erbe und Vorteil. Keine Annette, eine Marie. Ich bin Fahrlehrerin. Eigentlich eine verkrachte Existenz. Ich wollte Priesterin werden, aber das lassen die alten Männer in Rom zu meinen Lebzeiten nicht mehr zu. Habe alles studiert. Aber so ist es gut. Ich bin Diakonin, kümmere mich um unsere Kirche. Einen Priester haben wir ja seit zwanzig Jahren nicht mehr.“
„Also der Brückenheilige und der alte Lehrer sind weg. Vielleicht hatten die genug von Jamulen. Nicht jeder mag so leben.“ Heinrich fotografierte weiter. Die Frau schaute ihn etwas misstrauisch an. Heinrich zwängte sich in ein Gestrüpp und holte einen weißen Herrenschuh hervor.
„Sehr gepflegt“, sagte Heinrich Uelvesbüll.
„Die trägt der Rektor am liebsten. Was ist hier los?“ Marie klingelte an einem der Häuser. Niemand öffnete. Bei dem Haus daneben öffnete sich im ersten Stock ein Fenster und ein Mann rief: „Rektor ist weg. Böser Mann.“ Das Fenster wurde wieder fest geschlossen.
„Das Haus gehört auch dem Rektor. Vermietet an eine Familie.“ Maries Mund bildete nun einen schmalen Strich, aber sie versuchte, ihre Missbilligung zu unterdrücken.
„Sie mögen die Leute nicht?“
„Nein, aber nicht weil sie Serben sind, sondern weil sie einfach immer nur unfreundlich, ruppig sind. Dabei haben wir ihnen geholfen. Und trotzdem …“
„Ich habe ein ganzes Brathuhn, möchten Sie es mit mir teilen heute Abend?“, fragte Uelvesbüll.
„Ja“, sagte Marie von Hülshoff. „Aber jetzt rufe ich die Polizei an.“
Heinrich Uelvesbüll lächelte, sagte: „Die werden sich auf den Samstag über die Vermisstenanzeige freuen.“ Er ging ins Haus, packte aus, trank ein Bier aus der Flasche, lud die Fotos auf Simonsbergs Rechner und schaute sie an. Vier druckte er aus und nahm seine Lupe. Die hatte er wie die Digitalkamera, einen Kamm, Notizblock und Kuli immer dabei. Im Jackett. Ausweis, Geld und Kreditkarte in der Hosentasche. Ihm konnte fast nichts passieren. Zuhause schon gar nicht. Außer bei einer Sturmflut. Dann kämen erst die Schafe über den Deich, dann das Wasser über die Salzwiesen und dann liefe das Nordmeer durch den Koog.
Lange schaute er sich die Ausdrucke an, seufzte. Er deckte den Tisch, schob das Brathuhn in den Ofen, schaute nach draußen. Zwei Polizeibeamte hatten herumgestanden, waren wieder abgefahren. Heinrich dachte zum hundertsten Mal, was war nur mit den Menschen los? Zu viele brüllten, schlugen um sich, dealten auf Teufel komm raus. Zu viele kassierten zu viel Geld und vergaßen jeden Anstand. Zu viele hatten Lust am Töten und den Gemeinheiten. Uelvesbüll griff eine der Zeitungen, die sein Freund gestapelt hatte, und entdeckte tatsächlich ein Kreuzworträtsel. Amerikanischer Lastzug. Das wusste er noch. Kleiner Falkenvogel? Meeresfisch? Viele Möglichkeiten. Buchregisterzeichen? Mordinstrument? Wieso verschwinden der Brückenheilige aus Zement und der Rektor zur gleichen Zeit? Es klingelte. Marie von Hülshoff kam und Heinrich fragte nach Wein, rot, weiß, trocken, schenkte ein, servierte das Brathuhn und Salat, Brot. Erst dann erst erkundigte er sich nach den Polizisten.
„Der verschwundene Nepomuk ist vermutlich Opfer von Vandalismus, jugendlicher Übermut. Der Schuh ist kein Grund um eine Fahndung zu starten, nur weil der Rektor nicht vor Ort ist. Die Nachbarn wissen von nichts. Das alles juckt niemanden. Niemand ist besorgt. Nicht so wichtig.“ Marie war ärgerlich, unzufrieden, aufgeregt. Heinrich servierte noch ein kleines Sachertörtchen, dann breitete er die ausgedruckten Fotos aus und legte die Lupe dazu.
„Der einzelne Schuh Ihres Nachbarn hatte ja etwas Makabres. Ich habe den zweiten Schuh gefunden. Er steckt halb hinter der Mülltonne, die bei den Nachbarn steht.“
Marie nahm die Lupe, suchte, schaute, setzte ab, schaute noch einmal. „Da ist auch ein Stock. Und der Schuh hat Flecken.“
„Der Stock auch. Was machen wir jetzt? Wenn wir das den beiden müden Polizisten zeigen, passiert nichts. Wie lange haben Sie diesen Lehrer nicht gesehen? Lebt er alleine in dem Haus?“
„Einmal die Woche kommt seine Putzfrau und einmal die Woche trinke ich einen Kaffee mit ihm, immer abwechselnd bei ihm oder bei mir im Haus. Morgen wäre das. Die Putzfrau kommt erst in drei Tagen.“ Marie grübelte. „Wenn er mal eine kleine Reise unternahm, sagte er immer Bescheid. Er gab dann damit an. So war er.“
„Ja, wenn Simonsberg da wäre“, sagte Heinrich. „Ist er aber nicht. Wenn wir zum Pfarrhaus und dann zur Kirche gehen, können wir uns umschauen. Ich zoome mich an den Schuh und den Stock.“
„Ganz unauffällig,“ lachte Marie.
Im ersten Morgengrauen ging Heinrich alleine durch das Dorf. Er kam nicht zur Ruhe. Er fotografierte die rosa Streifen im Himmel, lief entlang der Maisfelder bis zur Ems. Ein kleiner Hafen für kleine Motorboote. Ohne Luxus. Zum Herumschippern an sonnigen Tagen. Nicht hochseetauglich. Er wunderte sich über den Betrieb an den beiden Anlegern. Um fünf Uhr morgens beluden vier alte Männer sehr systematisch zwei der Motorboote mit Kühltaschen, Schwimmwesten, Schwimmflossen und Rettungsringen. Seltsam fand Heinrich, dass jeder der Männer eine Pistole im Hosenbund trug. Nicht professionell, als wären sie es gewohnt, aber sie hatten Pistolen. Heinrich blieb unsichtbar, fotografierte, erst dann ging er zu den Anlegern hinunter. Die Männer hörten ruckartig mit ihrer Arbeit auf. „Was wollen Sie hier?“
„Bin auf Besuch und konnte nicht schlafen“, sagte Heinrich. „Schönes Wetter für eine Fahrt auf dem Wasser“, sagte Heinrich.
„Ja, wir bereiten die Boote vor“, murmelten die Männer. Einer ging auf Uelvesbüll zu: „Unsere Renten sind mehr als mickrig, also verdienen wir dazu. Machen die Boote sauber, erledigen den lästigen Kleinkram.“ Alle lachten und Heinrich verabschiedete sich. Er hätte gerne mit Simonsberg telefoniert, aber der nahm nicht ab. Welche Rentner trugen Pistolen und beluden Boote mit Unmengen von Schwimmwesten. Auf dem Rückweg von der Ems sah er den Serben, den Mieter des vermissten Rektors. Der Mann, der aus dem Fenster gerufen hatte. Heinrich kam es vor, als wollte der Mann nicht gesehen werden, so schnell verschwand er Richtung Hafen in den Büschen.
Heinrich ging den ganzen Bach im Dorf ab. Fotografierte, schaute, sah der aufgehenden Sonne nach und entdeckte unter dichtem Gestrüpp im Wasser den gesuchten Nepomuk. Einer alleine konnte die Statue nicht aus der Brückenhalterung gerissen und soweit geschleppt haben. Was ging in diesem Dorf vor? Oder war es in Jamulen wie überall? Nicht die Fremden brachten das Böse, sondern die Einheimischen waren immer schon bereit hinter den schönen Fassaden, abseits der mit Stiefmütterchen gesäumten Wege, den Handel mit den Teufeln aller Art einzugehen. Nach außen schien das Dorf Balsam für die Seele zu sein. Gepflegt, gekehrt, alles gut organisiert. Außer, dass kaum Busse fuhren.
Heinrich Uelvesbüll sehnte sich nach seinem Koog und seiner Ruhe hinterm Deich. Nach den Schafen oben auf der Krone. Aber was nütze es. Er lud alle Fotos auf den Rechner, kochte Kaffee, versuchte noch einmal Simonsberg zu erreichen und bat ihn eindringlich, endlich anzurufen. Dann ging er zum Pfarrhaus: „Ich habe Ihren Nepomuk gefunden. Unten im Bach. Vielleicht rufen Sie die Polizei an. Aber davon kommt er auch nicht wieder auf die Brücke und kann seines Amtes walten.“
„Haben Sie den Rektor irgendwo gefunden?“, fragte Marie von Hülshoff.
„Nein, aber ich habe den zweiten Schuh und den Stock einkassiert. Vorher noch einmal fotografiert und beides in eine Plastiktüte verpackt, und ich begegnete dem Serben auf dem Weg zu dem kleinen Hafen an der Ems. Haben Sie einen Schlüssel vom Haus des Rektors?“
„Ja, habe ich“, sagte Marie. „Darauf hätte ich selbst kommen müssen.“
Heinrich Uelvesbüll nickte, seufzte, fuhr sich die Haare: „In was bin ich hier in Jamulen hineingeraten? Im Koog sitze ich ruhig in meinem Haus, schaue auf den Deich, höre den Strandhafer und Queller wachsen und die Schafe murren. Ich schlafe und lese. Manchmal besucht mich Simonsberg und dann reden wir, trinken einen Schluck Whisky und machen höchstens einen Ausflug mit einem gemeinsamen Essen. Wir finden keine blutbefleckten Schuhe und Stöcke.“
„Aber wenn Sie wollten, würden Sie im Dithmarscher Land auch Mord und Betrug entdecken.“ Marie lächelte und Heinrich sagte: „Sie haben recht. Simonsberg hat dort Menschenhandel aufgedeckt und andere grausige Verbrechen. Die Leute geben einfach keine Ruhe mehr.“
„Das war immer so, solange es uns gibt. Ohne Krawall und Krieg können wir doch gar nicht.“ Marie holte den Schlüssel, klingelte lange am Haus des Rektors, gebaut ganz im Stil der Siebziger Jahre. Beton und Waschbeton. Zwei quadratische Erker und eine umbaute Eingangstreppe.
„Ein sehr repräsentativer Bunker“, sagte Uelvesbüll.
„Er war ja auch wer: Leiter einer großen Schule, Politiker und einer anderen Zeit verhaftet. Mehr Adenauer als Merkel. Obwohl, die fand er in Ordnung. Sonst konnte er nicht so viel mit den neuen Zeiten anfangen. Er sehnte sich immer nach Ordnung und noch mehr Ordnung. Selbst die Holzscheite hinterm Haus waren symmetrisch sortiert.“
Marie und Heinrich standen im Flur. Marie rief. Heinrich sah in die Küche, in die Gästetoilette. In das Wohnzimmer. „Sein Mantel und seine Jacke hängen an der Garderobe. Da lagen sonst auch die Brieftasche und die Autoschlüssel.“
„Die Brieftasche ist in der Küche.“ Heinrich ging zurück: „Die ist aber leer. Kein Geld.“„Er holte sich jeden Freitag bei der Sparkasse fünfhundert Euro.“
„Die sind weg.“
„Die Autoschlüssel auch.“
„Und das Auto?“, fragte Heinrich. „Wo stellt er sein Auto ab?“
Marie und Heinrich gingen in die Garage: Der Wagen war weg. Die beiden durchsuchten auch noch die obere Etage, alles sehr ordentlich und sauber. Fast schon pedantisch aufgeräumt. „Die Zahnbürste steht an ihrem Platz“, bemerkte Heinrich. „Auch das Rasierzeug. Und jetzt?“
Die beiden schlichen sich auch noch in den Keller. Der überdimensionierte Öltank, eine kleine Werkstatt, zwei Lagerräume, ein kleiner Raum mit Weinregalen, eine verschlossene Tür. Marie und Heinrich sahen sich an. „Das ist absurd, was wir hier machen“, sagten sie beide wie aus einem Mund. Aber dann suchten sie im Flur an einem Brett nach einem altmodischen großen Schlüssel. Sie probierten vier Stück aus, der fünfte passte. „So was nennt man eine Versuchsreihe, basierend auf Schlüsselerlebnissen.“ Heinrich musste was sagen, so mau war ihm zumute. Die Tür öffnen mochte keiner von ihnen. Marie traute sich: „Das ist doch Quatsch, was soll da sein!“ Heinrich fand den Lichtschalter, dann sahen sie eine verschnürte Teppichrolle, aus der ein Kopf in einer durchlöcherten Plastiktüte schaute. Der Mund war zugeklebt, die Augen auch. Marie war schnell: Sie wählte den Notruf, bat um einen Krankenwagen, einen Notarzt und die Polizei. Heinrich machte Fotos, dabei sah er, was in den Regalen lagerte. In einem Karton. Noch mehr Fotos, dann suchte er sein Taschenmesser, um die Schnüre aufzuschneiden, die verklebte Plastiktüte zu entfernen. Der Mann war bewusstlos, der Kopf war mit Blut verschmiert, aber er lebte. Er bekam einen Tropf, eine Atemmaske und wurde ins Krankenhaus gefahren. Die Polizei nahm Heinrich und Marie in die Mangel. Als wären sie die Täter. Der Lehrer lag im künstlichen Koma, von ihm war nichts erfahren. Das Auto wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Der Serbe blieb unauffindbar. Seine Frau hatte ein kleines Kind auf dem Arm, weinte und wusste nichts. Stock und Schuhe hinter der Mülltonne konnte sie nicht erklären. Ihr Mann wäre wegen Arbeit weggegangen. Er hätte endlich gute Arbeit, gut Geld. Der Lehrer sei immer sehr böse gewesen zu ihnen. „Immer geschimpft!“, sagte die Frau. „Wegen Ordnung. Er kündigen. Wir Haus verlassen sollen.“
Es wurde Abend, bis Marie und Heinrich wieder in Jamulen waren. Es wurde zehn Uhr, bis Simonsberg endlich anrief. Heinrich wusste gar nicht, wo er anfangen sollte zu erzählen, zu erklären. „Koch Butternudeln“, sagte Simonsberg. „In einer Stunde bin ich da. Und frag Marie, ob sie Zeit hat.“
„Was soll sie nachts vorhaben“, fragte Heinrich. „Ja, ich frage sie.“ Dann legte er auf. Er war hundemüde. Und er hatte immer noch niemandem gesagt, was er im Keller außer dem armen geschundenen alten Mann gesehen hatte. Die Polizei hatte schnell alles zugesperrt und Bänder gezogen. Morgen ist auch noch ein Tag.
Um Mitternacht saßen die Drei müde vor den Butternudeln und einem Fenschel-Orangensalat. Schweigend tranken sie die erste Flasche kalten Rosé, kauten.
„Hattest du Erfolg?“, fragte Heinrich.
„Ich weiß nicht. Nein. Das Kind ist tot. Und bis jetzt nicht einmal identifiziert. Grausam. Kein Mörder gefasst. Nur die Idee, dass das Kokain auf dem Wasser transportiert wird. Unauffällig. Von ganz normalen Leuten, also fast ganz normalen Leuten. Von Freizeitkapitänen. Wir haben eine kleine Motorjacht kontrolliert. Wir wollten nur wissen, ob die Leute das Kind gesehen haben. Routinekontrollen des Zolls und der Wasserschutzpolizei entlang der Ruhr, im Bereich Duisburg. Und was fanden wir schließlich: Schwimmwesten mit Kokain. Aber warum haben die Schufte das Kind kleine Tüten schlucken lassen? Wer macht so etwas Krankes?“
„Viele“, sagten Marie und Heinrich wie aus einem Munde.
„Geld ist alles. Immer schon so gewesen. Leider“, fuhr Marie fort. „Und manche brauchen auch wirklich Geld. So finden dann die Global Player die Kleinen am unteren Rand der Nahrungskette. Ganz einfach.“
„Vielleicht“, sagte Heinrich, „vielleicht kann ich ein Puzzle beitragen zur Lösung. Ich will nicht, dass deine Locken immer grauer werden. Im Keller des Lehrers gibt es einen Karton mit Tüten. Ist weißes Pulver drin. Vermutlich kein Waschmittel.“
Im gleichen Augenblick hämmerte es an der Haustür. Simonsberg öffnete und zwei Männer sprangen in die Diele. Der eine mit Pistole, der andere mit abgesägten Schrotflinte.
„Und das in Jamulen“, sagte Marie. „Nicht zu fassen.“
„Gib du Schlüssel zu Haus von Lehrer.“
„Du hast doch selbst einen Schlüssel, Bojan.“ Marie stand vom Tisch auf. Machte einen Schritt. Der andere Mann hielt ihr die Schrotflinte vor den Bauch.
„Alles weggenommen hat er mir. Dieser Hund. Aber wir müssen überleben. Schlüssel her. Wir holen, was uns gehört und dann sind wir weg. Endlich weg. Nach Hause. Meine Kinder sollen nicht unter Euch Gesindel aufwachsen.“
Marie übergab den Schlüssel. Simonsberg stopfte sich schweigend noch Butternudeln in den Mund und nahm einen sehr großen Schluck Rotwein. Dann fesselten die beiden Männer alle drei an die Stühle. Heinrich Uelvesbüll bereute ein weiteres Mal seine Reise ins Münsterland. Marie sagte: „Bojan, was sagt Deine Frau dazu? Ihr macht Euch doch unglücklich.“
„Nix Unglück. Endlich Geld. Der alte Mann hat immer geschimpft: So machen und so machen. Ordnung“, Bojan brüllte das Wort Ordnung voller Hass. „Jetzt neue Ordnung. Wir Geld und dann weg. Mit Frauen und Kindern. Auto von Lehrer ist verkauft.“ Bojan spuckte auf den Boden und diesmal schaute der Erste Kriminalhauptkommissar voller Wut um sich. Die Männer waren kaum aus dem Haus, da hatte Simonsberg seine Fesseln gelöst und rief die Polizei vor Ort und seine Kollegen in Duisburg an. Uelvesbüll zeigte seine Fotos: die aus dem Keller, von dem Stock und den Schuhen, vom Hafen. Und auch vom Brückenheiligen Nepomuk, der immer noch im Bach lag. Dann rannte Simonsberg hinüber zum Haus der Serben. Sie packten ihr Auto. Zwei kleine Mädchen, zwei Frauen, Taschen und ein Koffer. Simonsberg schoss die Reifen kaputt und versteckte sich wieder. Der mit der Schrotflinte ballerte um sich. Die ankommenden Polizisten versteckten sich. Die Einwohner wurden gebeten, in ihren Häusern zu bleiben. Jamulen erlebte eine chaotische Nacht. Alle Zufahrten wurden abgesperrt. „Macht wenig Sinn, gibt genug Feldwege und Pfade“, schimpfte Simonsberg.
Die Serben verschanzten sich in im Haus. Durchsuchungsbefehle wurden beantragt. Die oberen Behörden verständigt. Alles dauerte. Der alte Lehrer starb um vier Uhr morgens. Totgeschlagen. Vier Polizisten fuhren zu dem kleinen Hafen und verbargen sich schwer bewaffnet in der Uferböschung. Marie stand neben Heinrich und weinte. Heinrich kochte Kaffee in großen Mengen und schmierte Brote.
„Das haben wir nicht verdient“, schrie eine Frau aus einem der Häuser. „Wir sind ein schönes Dorf.“
„Der Spruch des Tages“, lachte Marie zwischen den Tränen und räumte in der Küche, suchte nach Platten, schichtete Brote.
„Wie viele Kinder leben in dem Haus der serbischen Familie?“, fragte Heinrich. „Drei“, antworte Marie. „Zwei kleine Mädchen und ein Junge.“
„Und wo ist der Junge?“, fragte Heinrich Uelvesbüll und suchte nach einer Flasche Whisky. Er musste trinken. „Wo ist der Junge?“
„Im Haus?“
Heinrich ging zum PC, druckte ein Bild aus, hielt es Marie hin: „Ist das der Junge?“
„Ja. Was macht er da?“
„Schwimmwesten in eines der Motorboote laden. Er ist ganz sicher nicht in dem Haus. Da waren vorhin die Männer am Auto, die Mädchen und die beiden Frauen. Wo ist das Kokain? Wo ist der Junge?“
„Heinrich, du hast mal wieder recht. Leider. Der Junge ist nicht im Haus. Wir haben gerade alle herausgeholt. Die Männer kommen in Untersuchungshaft, die Frauen und die beiden Mädchen werden verhört und kommen dann zurück.“
Simonsberg war faltig, müde. Sein Dreitagebart stand wie Stacheln um sein Kinn. Er war wütend und deprimiert. „Zeig mir deine Fotos. Bitte. Erkläre sie mir. Vielleicht ist noch irgendwas zu retten. Später musst du noch einmal zum Verhör. Damit wir wenigstens ein paar Beweise haben, die vor Gericht standhalten. Du auch Marie.“
Heinrich, der kaum noch seine Augen offen halten konnte, erklärte, was Marie und er gemacht hatten. Dass vermutlich rund dreißig kleine Tüten Kokain beim Rektor im Keller gelagert waren.       
„Die sind weg“, murmelte Simonsberg. Dass in dem kleinen Hafen Schwimmwesten von Rentnern mit Pistolen verpackt worden waren. Dass vermutlich die Männer den Rektor erschlagen hatten, weil er die seltsamen Tüten im Keller entdeckt hatte oder weil sie sein Brennholz nicht ordentlich genug gestapelt hatten. „Was weiß ich. Sind ja zwei tickende Zeitbomben.“
„Und alles wegen Nepomuk“, fügte Marie hinzu.
„Den haben Jugendliche aus der Halterung gerissen. Wollte ich dir noch sagen, Marie, aber ich musste weg.“
„Und jetzt? Ich bin so müde“, sagte Heinrich.
„Jetzt ist Jamulen kein schönes Dorf mehr. Alle sind in Aufregung“, sagte Marie.
„Jetzt trinken wir einen Kaffee und einen Whisky und ich geh schlafen“, sagte Heinrich Uelvesbüll. „Und ich esse noch ein Brot. Hast du Leberwurst? Schöne fette Leberwurst?“
Simonsberg telefonierte. „Zwei Männer wurden am Hafen festgenommen. Alle Boote sind durchsucht. Alle Schwimmwesten und Rettungsringe eingesammelt. Aber das sind alles nur Mitläufer, Geringverdiener. Kleine Fische. Dahinter stecken doch ganz andere. Eine Logistik und viel Geld. Millionen. Und was machen wir: Schwimmwesten aufschneiden und armselige Rentner festnehmen.“
„Seid mal still“, sagte Marie. Und da hörten sie alle drei die tapsenden Schritte über ihnen. Simonsberg lief los und kam zurück mit einem Jungen und einer Plastiktüte.
„Luka“, rief Marie. Der Junge war schmutzig und weinte.
„Hier ist das Kokain aus dem Haus des Lehrers.“ Simonsberg legte die Tüte auf den Tisch.
„Ich will nicht wieder nach Serbien. Ich habe Hauptschulabschluss. Ich will eine Lehre. Aber meine Eltern verstehen nicht. Sie sind unglücklich, aber ich nicht. Ich will lernen und arbeiten.“
„Was wolltest du mit dem Kokain?“, fragte Simonsberg.
„Für meine Mutter. Sie ist so traurig hier. Aber ich wusste nicht wohin. Ich bin so müde“, sagte Luka und weinte. Marie sah Simonsberg an. „Ja, er kann bei dir schlafen. Ja, ich kümmere mich.“
„Und die Plastiktüte?“, fragte Marie.
Heinrich Uelvesbüll langte über den Tisch, nahm sie an sich: „Die habe ich bei eurem Nepomuk heute Morgen gefunden. Ende der Vorstellung. Alle ins Bett.“ Er trank seinen Whisky aus und nahm die Tüte mit. Marie sagte: „Luka, du kommst erst einmal mit mir. Wie ging der Satz: Wir schaffen das.“
Henning Simonsberg blieb alleine in der Küche. Nun hatte es also auch Jamulen erwischt. Die Gier, die Not, die Drogen. Nicht unterkriegen lassen, war sein letzter Gedanke, ehe der Erste Kriminalhauptkommissar am Tisch einschlief und davon träumte in einem kleinen Dorf Polizist zu sein. Im real existierenden Dorf gab es noch tagelang Blaulicht, bewaffnete Polizisten und viel Gerede. Ende der Woche wurde der ermordete Rektor beerdigt. Dann war wieder Alltag in Jamulen.

 

Wer die Geschichte hören möchte:
https://hoermordkartell.de/Krimi-XL/Das-schoene-Dorf-J-Monika-Walther::82.html

www.jmonikawalther.eu

Das Königreich Westphalen

„Die Wörter schlafen nicht in den Wörterbüchern/Sie ziehen um den Block, ziellos, spielen mit Munition.“ Mit diesen beiden Zeilen beginnt Durs Grünbein sein Gedicht „Vom Erlernen alter Vokabeln“. Ja, Wörter können Wirklichkeiten schaffen. In alle Richtungen. In Zeiten verschärfter Rhetorik können die Ewiggestrigen und Hartherzigen den Ton angeben, bis der Widerstand mit seiner Dialektik eine neue Wirklichkeit schafft.
Lebensgefährlich wird es, wenn die Inszenierung der Rechten, der Diktatoren so lange dauert, dass niemand mehr sich an die Grundregeln von Demokratie erinnert, niemand mehr andere Wörter im Ohr hat als das Geschrei.
Die Existenz des Königreichs Westfalen und der Einfluss der Franzosen auf Gebiete rund um dieses Königreich, auch auf das Münsterland, hatte auf Haltung und Sprache, auf die spätere politische Entwicklung eine besondere Bedeutung. Ursprünglich ging es darum, dass der jüngste Bruder Napoleons mit Land und Krone versorgt werden sollte. Also schuf Napoleon per Dekret vom 18. August 1807 auf preußischem Gebiet für Jérôme und Katharina das Königreich Westphalen. Ein Vasallenstaat, eine autoritäre Herrschaft, den Untertanen übergestülpt. Die eine Seite. Die andere Seite: Westphalen war als Musterstaat gedacht, mit einer modernen Justiz und Verwaltung. Und tatsächlich wurden die Patrimonialgerichte, die Steuerfreiheit des Adels und die Leibeigenschaft abgeschafft. Die Gewerbefreiheit, die Gewaltenteilung, die Gleichberechtigung der Juden, der Code civil sowie die Führung von Zivilstandsregistern und Kirchenbuchduplikaten wurden auf die vormals nicht-preußischen Gebiete ausgedehnt. Es gab viele neue Wörter und Zustände im ganzen Einflussbereich der Franzosen, die auch nach dem Ende des Königreiches 1813 nicht wieder beseitigt werden konnten. Als die alten Herrscher wieder in Besitz ihrer Landstriche und Güter kamen, ließen sich die Wörter und die damit gesetzten Freiheiten nicht einfangen. So wenig wie sich die Erfahrungen der Untertanen, die Widerstand gegen die Franzosen geleistet hatten, anullieren ließen.
Nach der Völkerschlacht in Leipzig 1813 löste sich das Königreich auf, aber die alte Ordnung war nicht mehr herzustellen und einige Wörter und Zustände waren nun den Untertanen, gleich wie sie eingestellt waren, bekannt. (J. Monika Walther)

Das Münsterland

 

 Annette Droste von Hülshof

Am Turme

Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walross, die lustige Beute!

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn

Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen.

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;

Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!

(1841/42)

Blick vom Fürstenhäusle der Droste in Meersburg

 

 Annette Droste von Hülshof, geboren 10. Januar 1797 Schloss Hülshoff bei Münster – gestorben
am 11 Mai 1848 in Meersburg am Bodensee, dort ist sie auch begraben.